Einführungsrede Angela Holzhäuer M.A. Kunsthistorikerin am 6. September 2017 im Neuen Rathaus Bayreuth

 

GUDRUN SCHÜLER – DAHINTER DAS LICHT

 

Gudrun Schüler lebt und arbeitet seit 1989 als freischaffende Künstlerin in Bayreuth.
Ihre Werke wurden in weit über 200 nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt.
Sie hat etliche Kunstpreise gewonnen und bedeutende Museen, wie das Kulturhistorische Museum der Stadt Bamberg und die Bayerische Staatsgemäldesammlung haben Bilder von Gudrun Schüler angekauft.
Mit den Arbeiten in dieser Ausstellung, die gleichzeitig auch eine Werkschau der Künstlerin zeigt, spannt Gudrun Schüler einen Bogen von fotorealistischen Arbeiten bis hin zu abstrakter Malerei.

 

I.

Beginnen möchte ich mit den naturalistischen Meeres- und Himmelslandschaften:

Unser Leben hat sich vollkommen vom ursprünglichen Naturraum getrennt. Das hat zum Verlust der Einheit von Mensch und Natur geführt.
Natur fungiert heute als Lagerstätte, Abbaugebiet verschiedener Rohstoffe, als Energielieferant und als Freizeitpark.
Die Erfahrung von Natur als Weltordnung, Seinsgrund und Lebensganzheit ist am Horizont industrieller Nutzung oftmals wenig präsent.

In den Arbeiten von Gudrun Schüler ist diese Ordnung noch zu finden:
Küstenlandschaften, das Meer und der Himmel, sie sind malerische Inspirationsquellen für ihre teilweise fotorealistischen Arbeiten.
Ihr verdanken wir jene ruhigen, poetischen Seestücke, die die Weite des Meeres in farblich transparente Kompositionen übersetzen.
Der Künstlerin gelingt eine absolut atmosphärische Darstellung der Natur und es entsteht ein lebendiger und unmittelbarer Eindruck von Himmel und Wasser.
Trotz der Gegenständlichkeit der Landschaften sind immer die Farbe und das Licht in ihren vielfältigen Erscheinungsformen Träger und Ausdruck des Bildgeschehens.

Der zart lasierende Farbauftrag und die unendlichen Schattierungen von Licht und Schatten machen die überwältigende Schönheit der Natur sichtbar, wie beispielsweise die kühle Abendstimmung über dem Meer, der sich zusammenbrauende Sturm am Himmel, oder das Licht, das durch die Wolkendecke bricht.
Ganz gleich, ob wir vor dem Weststrand in Kampen‘, oder dem ‚kleinen Wolkenraum‘ stehen, die Motive, die Gudrun Schüler ausgewählt hat, sind zeitlos, denn Wolkenformationen, die Gischt des Wassers oder der Himmel, der das Wasser am Horizont zu berühren scheint, sind immerwährende Naturereignisse - und dennoch hält jedes Bild einen einzigen nicht wiederholbaren Moment fest.

Der Betrachter schaut aus der Vogelperspektive auf das tosende Meer oder weiße Wolkenformationen und gleichzeitig kann er wie durch ein Mikroskop die Struktur einzelner Wassertropfen der schäumenden Gischt erkennen.
Wenn man sich auf die Bilder einlässt, ist die Wirkung so stark, dass man fast fröstelnd den kühlen Wind oder auch die feuchte, nach Salz riechende Meeresluft zu spüren glaubt.
Diese realistische und gleichzeitig emotionale Darstellungsweise der Wasserlandschaften zeigt die Natur in ihrer ungebändigten Kraft und Energie und gleichzeitig in einsamer Stille.
Auf keinem Bild gibt es Figuren, nicht einmal als Staffage.
Aber auch ohne Figuren steht alles immer in Beziehung zum Betrachter. Er wird Teil der bildlichen Anordnung und ist überwältigt von der Fülle an Harmonie und Schönheit.

Gudrun Schüler nennt das: „Spüren mit den Augen.“
In der unendlich scheinenden Weite der Bilder wird Natur zum Spiegel menschlicher Gefühle. Sie vergegenständlichen damit auch das Unfassbare, das methaphysische Empfinden.

 

II.

Der Maler Sean Scullys hat einmal sagt: „Das Bild ist beendet, wenn es mich berührt.“.

Dieser Ausspruch scheint auch Programm in den teilweise abstrakten, teilweise gegenständlichen Bildern Gudrun Schülers zu sein:
Man könnte ja auch sagen, das Bild ist fertig, wenn es meiner Idee entspricht.
Statt von Idee, Gedanke, Ratio, geht es auch hier um Gefühl und damit stößt man auch gleich zum Prinzip der Bildkunst in den abstrakten Arbeiten der Künstlerin vor:
formale, strenge Bildarchitektur und expressiver Farbauftrag, das ergibt einen Dialog, nämlich die Synthese aus rationaler Ordnung und sinnlich, emotional erfahrbarer Farbe, die Elemente, die den inneren Diskurs der Werke ausmachen.

In den Arbeiten FUNKENBOGEN und FUNKENGLUT besteht das bildnerische Vokabular aus Farbexplosionen, die in einem spannungsreichen Verhältnis zur malerischen Fülle im Detail stehen.
Jeder einzelne Farbstreifen besitzt schwungvolle Lebendigkeit – die Art des Farbauftrags, die Bewegung des Pinselstrichs und die haptische Qualität der Oberfläche wirken wie ein Vulkan, der bald ausbrechen wird.
Außerdem scheint es so, als hätten die äußeren Begrenzungen der Leinwand eigentlich gar nicht ausgereicht, den nebeneinander und übereinander dicht gedrängten Farb- und Lichtschichten in warmem Kolorit, Platz zu bieten.
Die Farbe ist so kraftvoll und pastos aufgetragen, dass sie eine plastische Form erhält und somit in den Raum herein wirkt. Dennoch werden darunterliegende Farbschichten nach wie vor wahrgenommen.
Dadurch entsteht eine Ineinanderverschränkung von Raum und Volumen und stilisiert sich in vielfachen Variationen zum Inbegriff spiritueller Monumentalität.

 

III.

Kommen wir zu den meditativen Abstraktionen.
Das Hauptwerk, ein Triptychon, ist auf der Einladungskarte abgebildet und hat Sie vielleicht in diese Ausstellung gelockt:

Wie entstehen diese Bilder?
Gudrun Schüler benutzt das zuerst konstruierte Bild als Plattform.
Wir sehen ein Rastersystem aus Blöcken, Halbkreisen, Streifen und Linien, die sich als architektonische, streng-geometrische Motive oder aber auch als Kreuze und Gesichter identifizieren lassen.
Diese Motive suggerieren eine große Plastizität.
Im Laufe des Bildwerdens verschleiern dünn aufgetragene Farbschichten die Oberfläche immer mehr.
An einigen Stellen greifen sie an den Grenzen der Farbfelder faserig ineinander, wobei die sich so ergebenen Farbflächen eine diffus strahlende Atmosphäre erzeugen.
Ein immaterielles Farblicht leuchtet aus den Bildern heraus.

Wir sehen Farbwolken, die sich zu überlagernden Farbschleiern bündeln, die durch das Durchscheinen der Schichten zu räumlicher Wirkung gebracht werden.
Nie tritt eine Farbe absolut auf, nie ist sie nur sie selbst. Immer schwingt ein anderer Farbton mit. Das Rot teilt sich dem Orange mit, das Blau trübt das Grün. Die einzelnen Flächen beginnen zu oszillieren.

Die Farbfelder sind nach den Seiten nicht abgeschlossen, sondern offen, und scheinen sich unendlich über die Ränder der Leinwand hinaus zu erstrecken.
Die Bilder haben also letztendlich nichts mit der Vorstellung gerahmter Flächen zu tun, denn sie sind Symbole des Universellen und vermitteln einen unbegrenzten geistigen Raum.
Die weiche Vermalung der einzelnen Flächen ergibt einen schwebenden, entmaterialisierten Farbeindruck, der den Betrachter zur Kontemplation einlädt.
Es entsteht eine Ordnung mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen, die mit Gegensätzen wie Anfang und Ende, Fülle und Leere operiert.
Die fast schon dialektische Konfrontation der klaren Formen und der sinnlichen Farben, ja der spirituellen Farbauffassung wird zur Metapher der erfahrbaren Wirklichkeit.

Möglicherweise wird der Betrachter, der sich hineinfindet in die Kraft und Tiefe dieser Bilder, die eigenen Sehnsüchte entdecken.

Die Bilder dieser Ausstellung geben keine Antwort auf irgendetwas, - man muss sie erleben. Sie werden von den Phänomenen Licht und Atmosphäre getragen. Sie sind nur möglich, weil - DAHINTER DAS LICHT existiert.

DAS LICHT DAHINTER macht nicht nur das Miteinander der einzelnen Bildelemente sichtbar, sondern es beleuchtet gleichzeitig die komplexen Beziehungen des Menschen und alle Facetten menschlicher Emotionen.

DAHINTER DAS LICHT bedeutet aber auch immer, dass auf allen Bildern der Funke Hoffnung und damit Zukunft glimmt.

Franz Marc, der - gemeinsam mit anderen - zu Beginn des letzten Jahrhunderts am Anfang der abstrakten Malerei stand, hat formuliert, was auch für die Kunst von Gudrun Schüler gilt:
“ Mein ganzes Trachten ist, innerlich zu werden, jeder auf dem Bild vorkommenden Farbe und Form eine innerliche, nicht beweisbare Notwendigkeit zu geben. Die Wirkung echter Kunst ist nie beweisbar und erklärbar.“

 

 


 

 

Einführungsrede Dr. Ekkehard Beck

Ausstellung "Zeitgleich / Zeitzeichen" Bundes-BBK  Oktober 2014

 

Bei Gudrun Schüler erleben wir eine enorm breite Palette malerischen Schaffens:
von altmeisterlicher Schichtenmalerei mit Themen, die ihr die Naturbetrachtung liefert, bis hin zur völligen Abstraktion, die dann reine Farbkompositionen bietet.
Bei den Naturbildern, speziell den Werken, die die mächtigen Bäume zeigen, ist das konkret Gegenständliche dem Betrachter so nahe, dass er sich an eigene Begegnungen mit diesem Baum zu erinnern glaubt.
So jedenfalls ging es mir bei dem Bild dort links an der Wand.
Gudrun Schüler meint dazu, ja, das könne sein, aber stärker gehe es ihr um Stimmungen.
Ihr selbst geht es beim Malen solcher Situationen darum, sich selbst wieder in die Stimmung zu versetzen, die sie an diesem – inzwischen gewissermaßen fiktiven – Ort empfunden hat.
So entsteht eine neue Stimmung, die die Erinnerung an die frühere in sich aufnimmt, eine vergangene Stimmung entsteht im Malprozess neu.
Diese Atmosphäre nimmt auch den Betrachter gefangen. Er versucht zu ergründen, welches Gefühl das Bild bei ihm auslöst und warum.

So arbeitet Gudrun Schüler an gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Auch das ist ein erklärtes Ziel ihrer Arbeit, wie sie mir in einem Gespräch erläutert hat.
Die Aufarbeitung von Erinnerungen und ein Kampf gegen Schnelllebigkeit sind ihre Art, sich mit Zeit, mit Werden und Vergehen zu beschäftigen.

Aber wie gelangt sie vom Gegenständlichen zur Abstraktion?
Ich denke, auch das entsteht durch ihre Art der Naturbetrachtung.
Hier führen sie Meer, Wasser, Wolken und Wellen unmerklich hinüber in die Abstraktion – schön zu erleben in dem hinteren Raum.
Die Natur bietet vielfältige abstrakte Farbkompositionen: Denken Sie an den azurblauen Himmel, pure Farbe, völlige Abstraktion, manchmal mit weißen Wolkentupfern.
Oder schauen Sie auf’s Meer: wenn Sie so wollen, ein ständig sich wandelndes Bild von Farbkompositionen, je nach Lichteinfall.
So können Sie auf dem einen Bild noch unschwer Meer und Strand ausmachen, beim nächsten ist schon die Abstraktion eingekehrt, die Stimmung bleibt aber die gleiche.
Gudrun Schüler erreicht das durch ihre aufwändige Schichtenmalerei: 10 bis 20 Schichten übereinander.
Sie beschreibt das so: „Farbschleier über Farbschleier, wie es die Natur letztendlich vormacht, erzeugen Transparenz, Licht und Tiefe.“


Dr. Ekkehard Beck

 


 

 

 

 

Einführungsrede Dr. Frank Piontek

Ausstellung "Metamorphosen" im Landratsamt Bayreuth 2006

 

 

Gudrun Schülers Natur-Ansichten

 

Liebe Gudrun, sehr verehrte Damen und Herren,

Sie werden es einem leidenschaftlichen Wagnerianer verzeihen, wenn der abwesende Redner genau in dem Moment, in dem eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin eröffnet wird, ein paar Kilometer entfernt in einem Festspielhaus sitzt, um sich die Generalprobe einer brandneuen Siegfried-Inszenierung anzuschauen
– aber wir sind schon beim Thema.

Während nämlich genau in diesen Minuten der zweite Akt beginnt, befinden wir uns tief in der Welt der Gudrun Schüler.
Siegfried unter der Linde, Waldweben. Es flimmert, die Lichter spielen, wenn wir Glück  haben, auf dem Boden; die Blätter – falls es welche gibt – erzittern.
Es webt, es bewegt sich, es ändert, grünlich schimmernd, seine Gestalt, Lichtakzente brechen durch –
und schon laufen wir durch die Bilder einer Malerin, die es diesmal auf ein Thema abgesehen hat:
die Metamorphose, die Verwandlung.

Sie ist das Prinzip, das Gudrun Schülers Bilder seit je ausgezeichnet hat, denn alle Kunst – und Schülers Kunst ist wahre Kunst – ist lebendig, indem es der Verwandlung unterliegt  (und mitunter auch den Zuschauer verwandelt).

Die Waldbilder nämlich, die sie an der rechten Seite sehen können, sie zeigen in verstärktem Maß jene schemenhafte Auflösung, wie sie in den früheren Bildern Gudrun Schülers vorbereitet wurde.
Der Weg verschwindet im Ungefähren, graue Nebelschleier tanzen über dem Boden – und wir bemerken, daß das, was scheinbar Nebel ist, vielleicht etwas Anderes sein könnte.
Sieht es nicht so aus, als verwandelte sich gerade der Nebel in Wasserwellen? Wo sich die gleichsam festeren Formen des Nebels in die ungreifbaren des Wassers  verwandeln, ist da nicht das Prinzip der Metamorphose zu einem gleich raffinierten wie ergreifend einfachen Höhepunkt geraten?

Wir könnten weitergehen durch Gudrun Schülers Landschaften und feststellen, daß sich Nebel, Wolken und Wellen einander angleichen.
Die Natur, um die es hier geht, ist eine uneindeutige, und genau in diesem Sinn sind die großen Bilder Gudrun Schülers wahre NATUR-Ansichten.
Sie müßten jedem Kritiker den Wind aus den Segeln nehmen, der an ihnen einen „zu hohen Abstraktionsgrad“ moniert.
Die Kunst bemißt sich ja nicht nach dem Grad der Abstraktion oder der Ungegenständlichkeit, auch nicht ihres Gegenteils.
Sie bemißt sich auch nach der Vollkommenheit des Uneindeutigen, des Gebrochenen.
In Gudrun Schülers Bildern wabert es im besten Sinn.

Die Grenzen zwischen den Zuständen der Natur sind im wahrsten Sinn des Wortes fließend, und fließt es nur gehörig weiter, kommen wir zu den schönsten Abstraktionen.
Abstraktion: das heißt nun nicht, daß etwas außerhalb der sogenannten Natur Liegendes, sondern etwas Natürliches in konzentriertester Form gezeigt wird.
Weniger theoretisch formuliert: wenn Sie die Vier Jahreszeiten (in der rechten Ecke) anschauen, werden Sie Sich sofort an jene Zustände erinnern, denen die Farbkompositionen ihren Urgrund verdanken.

Panta rhei, tatsächlich: alles fließt, im Sommer wie im Winter, im Feuer wie im Eis. Es zerfliesst buchstäblich in jener Tafel (die Sie an der Rückseite sehen können).
Es fließt vom Dunkel ins Helle, es zerläuft so magisch, wie wir es von den symbolistischen Bildern der vorletzten Jahrhundertwende kennen, es zeigt, wörtlich,
Verläufe – und auch hier regiert das Prinzip der Verwandlung, denn ohne Vorbilder, die verwandelt wurden, wäre auch Gudrun Schülers Kunst nicht denkbar.

Ihre Kunst aber besteht darin, daß sie jene Vorbilder in ihren Bildern in hegelschem Sinne „aufhebt“:
indem sie sie zugleich bewahrt und überbietet, indem sie sie, auch dies wörtlich, weiter ent-wickelt.
Es ist ja heute keine Kunst mehr, Motive etwa eines Caspar David Friedrich zu kopieren, man sieht permanent, wie große Künstler der jüngeren und etwas älteren Vergangenheit ausgeweidet werden, aber es ist doch etwas Anderes, wenn eine Künstlerin, die tief in sich hineinlauscht, die Werke geliebter Künstler studiert hat, um mit ihrer Hilfe Eigenes zu schaffen.

Mein erster Gedanke an besagten Caspar David war denn wohl auch richtig, als ich vor die beiden zauberhaften Landschaften (an der linken Stellwand) trat
– man kennt  ja diese typischen, sich in ungreifbare Fernen auflösenden Farbfelder, Nebel, Himmel, Wolken, man kennt die Sonnenuntergänge, die grauen Wolken, das Licht, das sich an ihnen bricht.

Hier aber geht es weiter: die Nebel werden wieder zu Wellen, die Elemente mischen sich, verwandeln sich aneinander in der vertrauten fränkischen Landschaft, und nur einen Schritt weiter, und wir wären bei den Abstraktionen der abstrakten Bilder.

Kunst lehrt uns das Sehen, Gudrun Schülers Bilder sind in besonderem Maß eine Schule des Sehens, und wir begreifen von neuem, daß es das nicht gibt: „realistische“ Bilder.

Vergessen Sie alles, was Sie über den „Realismus“ in der Kunst gelernt haben.
„Realismus“ ist eine Fiktion, erfunden von Schulpädagogen, die immer noch nicht begriffen haben, daß ein Bild aus Farbpigmenten, aber nicht aus „Wirklichkeit“ besteht, die bekanntlich im Auge des Betrachters liegt.

Wer Gudrun Schülers NATUR-Ansichten sieht, sieht eine Natur, die sie ernstnimmt, indem sie ihr Wesentliches in die Darstellung vor allem innerer Zustände verwandelt, was freilich äußere Ähnlichkeiten nicht ausschließt.
Wie es zu den Abstraktionen kommt, hat sie in zwei Baum- und Blumen-Serien gezeigt, die Sie links und ganz rechts außen sehen können:
es sind wiederum Ver-Läufe, die die Phasen zwischen einer sogenannten „normalen“ und einer ins Ungegenständliche changierenden Darstellung zeigen.
In all diesen Bildern schwebt Natur: die Natur der Malerei, die sie der „Natur-Malerei“ abgewann. Wie gesagt. Eine Schule des Sehens...

Wenn Gudrun Schüler also im Landratsamt Landschaften ausstellt, die sie zunächst vor ihrer Haustür fand, dann muß dieses Ländchen Oberfranken dankbar sein, daß es eine solche Landschaftsmalerin besitzt.
Sie hält nämlich das Ungreifbare, das in all diesen Nebel-, Wasser-, Wellen, Lichtzuständen herrscht, auf eine schlichtweg magische Weise fest.
Dazu genügt schon ein Blick nach oben; der Raum spielt hier mit.
Gudrun Schüler hat drei Wolkenbilder an die Brüstung gehängt, und wir sehen auf eine langgestreckte Goldwolke (ähnelt sie nicht einem Schlangenwurm, wie er im zweiten Siegfried-Akt auftauchen könnte?).
Wir sehen Wolkengebilde, sehen Licht und zerfasernde Ränder.
Eindeutig Wolken, ja, aber die darunterhängenden Wolkenbilder hängen zurecht unten – denn was auf den ersten Blick nach oben gehören würde: geht es nicht in Wirklichkeit tief unten vor sich?
Sind's Wasser, sind's Wolken, im Spiegelbild vereint? Haben wir es bei diesen „Wolken“ nicht mit Sturmwolken, mit einem Meeressturm zu tun?
Ist das Licht, das da hinausblendet, nicht das Licht, das sich am Wasser reflektiert? Ein Regenbogen scheint, aber wo scheint er?
Sonderbare Verwandlungen... die Sache bleibt mehrdeutig, doch nicht beliebig – und es ist so voll jener Stimmung, die erst auf der Grundlage der totalen Beherrschung des Handwerks entstehen kann.

Die Illusion ist perfekt, auch im wunderbar düsteren Spiegel-Bild (an der linken Seite).
Ein unheimliches Bild, die Tiefe des Wassers möchten wir lieber nicht genauer erforschen, ein panischer Schrecken kann einen da erschrecken.
Ein Bild der finsteren Untiefe, wir bekommen eine Ahnung von den Finsternissen der Natur.

Wer will, kann sich tief in sie hineinbegeben, wenn er (an der Rückseite) den Zyklus Vom Kokon zur Spindel betrachtet.
Ein Monatsdurchlauf, sehr geheimnisvoll, im sachlichen Sinn des Wortes ein esoterischer Zyklus, in dem sich Persönliches der Malerin gleichsam abzeichnet.
Vom Kokon zur Spindel: da verwandelt sich schon im Titel etwas, wenn auch vom Dunkel ins Dunkel hinein, über hellere Zustände, die man nicht wirklich hell nennen kann.
Nur einmal glüht es zwischendurch golden auf. Der Kokon schmiegt sich an, er scheint sich einer großen Form zu integrieren,
zuletzt ist die Spindel ganz groß, doch zugleich mit all ihrem Weißglühen auch sonderbar einsam, ja einer eingesponnenen Larve gleich.

Von hier an könnte es weitergehen, hinein in eine neue Verwandlung – denn wer Gudrun Schülers Bilder kannte, wird sich wundern, welche Metamorphosen ihre Kunst bis heute erfahren hat.
Sie ist, und da passt das Bild vom (übrigens unbewußt gefundenen) Bild vom Kokon auf beste Weise, sie ist – ohne daß sie je diese Verwandlungen zwanghaft durchsetzen müßte – eine wahre Verwandlungskünstlerin.

Noch einmal: das Land kann stolz sein, daß in ihm eine wahre Malerin lebt, die ihre Heimat auf eine Manier verewigt, die mit Heimattümelei nichts zu tun hat.
Welche Kraft sie aus den Bergen, Tälern, Flußläufen und Waldwegen Oberfrankens schöpft: der Betrachter kann es wieder einmal genießend nachvollziehen.
Daß sie zugleich diese Heimat abbildet und eine moderne Kunst daraus entwickelt, die ganz in der Persönlichkeit der Malerin liegt, ist - Sie verzeihen den trivialen Begriff - einfach schön.
Sind's Wellen, sind's Nebelschwaden, Wolkenriffs? Ist' s Außen, ist's Innen? Wo diese Fragen unwichtig werden, ist Kunst – die Kunst einer Malerin, die im Weben zuhause ist:
im Weben von Natur-Ansichten, die in jedem Sinne groß sind.

 

Frank Piontek, 19. 7. 2006

 


 

 

 

 

 

Einführungsrede Dr. Frank Piontek  -  Ausstellung Dürerhof Bayreuth 2004

 

Gudrun Schülers See/len-Landschaften

 

Als Christoph Schlingensief in diesem Sommer daranging, den Parsifal zu inszenieren, konnte man sich auch daran erinnern, daß er im Sommer 2000 eine spektakuläre Kunst-Aktion vor der Wiener Staatsoper veranstaltete.
Echte Asylbewerber spielten seinerzeit falsche Asylbewerber, die in einem der TV-Show Big Brother nachgestalteten Container saßen.
Teil des Spektakels war auch ein Schauspieler, der als Schlingensief-Double auftrat. Warum ich Ihnen das heute Abend erzähle?
Aufgrund einiger Sätze, die dieser Schauspieler ins Megaphon sprach, und die mich, als ich sie vor ein paar Tagen las, auf merkwürdige Weise auf die Ausstellung verwiesen, die heute Abend eröffnet wird.

Herr Wagner aber – der junge Mann hieß wirklich so – Herr Wagner aber sagte im furchtbar heißen Sommer 2000 folgendes:

„Ich bin daran interessiert, daß eine neue Form entsteht, die über das Private hinausgeht. Eine Freiheitsform der Gesellschaft im Ganzen.
Und ich frage mich, wie diese neue Form entstehen kann. Sie kann, glaube ich, nur entstehen, im einzelnen Ich des Menschen.
Und dieses Ich muss überhaupt erst einmal erreicht werden. Denn eine neue Form kann nicht auf Vorstellungen basieren, die aus der Vergangenheit stammen.
Vergangene Vorstellungen werden keine neue Form hervor¬bringen.“

Und dann zitierte Wagner einige berühmte Zeilen Arthur Schnitzlers: „Es fließen ineinander Traum und Wachen / Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.
 / Wir wissen nichts voneinander, wir wissen nichts von uns. / Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug.“

 

Wir können diese Sätze – in vollem Kontrast wie in voller Aneignung – durchaus auf das Werk Gudrun Schülers beziehen, die in einer schlichtweg faszinierenden Weise auf der Suche nach diesem „Ich“ ist
– und wir können uns an ein zweites Zitat Arthur Schnitzlers erinnern, das mir sofort, wie automatisch kam, als ich vor ein paar Tagen über die Bilder dieser unverwechselbaren Malerin nachzudenken begann
 – doch zunächst zu jenem Verhältnis von Privatheit, „Ich“ und Neuer Form.

 

Wer in die Bilder Gudrun Schülers hineinsieht, in die Wolkenlandschaften, die Inselflächen, der darf sich natürlich an jene Vergangenheit(en), jene „vergangenen Vorstellungen“ erinnern,
die angeblich überwunden werden sollen, will man zum Neuen gelangen.

Gudrun Schülers Bilder sind der betörendste Beweis dafür, daß das Eine durchaus mit dem Anderen harmoniert, das das Alte im Neuen wie selbstverständlich seinen Platz haben kann,
daß die Tradition nichts ist, was krampfhaft abgestreift werden muß, um im Heute anzukommen.
Es funktioniert freilich nur, wenn das, was man kaufmännisch als Qualität bezeichnen müßte, keinesfalls fehlt.

Ohne jenes wie intuitiv beherrschte Handwerk, ohne jenes scheinbar schwereloses Gleiten durch die Technik
– und ähnelt der Blick in diese Bilder nicht auch einem Gleiten durch die Landschaften -, ohne jene Beherrschung der Technik, die nur deshalb unerkannt wird,
weil sie vollkommen ist, ohne jene Technik also hätten wir nicht mehr vor uns als die widerholteste Wiederaufnahme bekannter Bilder.

Schlingensief sprach übrigens in Zusammenhang mit seinem Parsifal von den Vorbelichtungen, den Bildern, die immer schon da waren.
Auch Gudrun Schülers Bilder waren vielleicht immer schon da, aber sie waren noch nie in dieser Gestalt da, mag uns auch der Traum der Romantik närrisch von dieser Idee abziehen.

Wer in Gudrun Schülers Bilder hineingezogen wird, verschwindet fast in ihnen, als seien ihm, wie es bei Kleist heißt – er muß, pardon, hier einfach zitiert werden – die Augenlider weggeschnitten.
Kleists berühmter Aufsatz heißt nun, sehr passenderweise, „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“, und nicht könnte schon deshalb passender sein,
weil zwischen der See, der Seh- und der Seelenlandschaft mehr vermittelt als drei oder vier kleine Buchstaben.
Auch das ist ja naheliegend: die ganzen Bilder Gudrun Schülers als gemalte Abbilder einer inneren „Seelenlandschaft“ zu deuten.

An dieser Stelle kann ich nun den zweiten Satz von Arthur Schnitzler einschalten, der hier passt wie kaum ein zweiter:
Im wunderbaren Stück Das weite Land philosophiert der Direktor des Hotels, das im Gebirge steht, über den Menschen:
„Die Seele ist ein weites Land, wie ein Dichter es einmal ausdrückte“. Und er fügt ironisch an: „Es kann aber auch ein Hoteldirektor gewesen sein.“
Wie auch immer: Die Seele ist zweifellos ein weites Land, und ein See ist hier kein See und doch dasselbe und doch viel mehr, eine Gebirgslandschaft ist hier inwendig wie auswendig Gebirge und Seelenlandschaft
– doch wer mit diesem arg mißbrauchten Begriff nur den Dilettantismus einer verschwommenen Bildwelt und einer defizitären Technik verbindet, könnte durch diese Bilder eines Besseren belehrt werden.
Wo der Begriff sonst nur dazu taugt, unklare Motive – nicht – zu erklären, liegt die Stärke dieser Seelenlandschaften in der absoluten Klarheit.
Ihr eignet jedoch – Sie sehen, daß man bei Gudrun Schüler immerzu über mehrere Ecken zueinander kommen kann –, ihr eignet jedoch nichts Konstruiertes, nichts Kaltes.

Worte reichen da nicht mehr hin, um den sogenannten Inhalt und den Reiz dieser Bilder zu beschreiben.
Im Grunde stehe ich hier mit meinen Satzgebilden auf vollkommen verlorenem Posten, da doch die Hauptsachen an den Wänden hängen.
Ich müßte Sie, wäre ich wirklich ehrlich, vor jedes einzelne dieser Bilder, dieser Seh-Stücke zerren und rufen „Schauen Sie doch hin! Sehen Sie genau hin!!“
- und damit wäre meine Aufgabe als Vorwort-Redner vielleicht besser erfüllt als durch Erklärungen, die das Wesentliche dieser Kunst unmöglich erfassen können.

Darum ist sie ja Kunst – eine Kunst, die meinethalben ohne das, was wir „Deutsche Romantik“ nennen, nicht denkbar wäre und die doch eine Stimmung ausstrahlt, die nur in Hinsicht auf Gudrun Schüler selbst, ihre Persönlichkeit, denkbar ist.

Das Ich, das angeblich noch im Werden ist: hier ist es präsent, und hier ist es quasi öffentlich.
Daß etwas den Anderen berührt, das doch ganz und gar individuell ist, dies ist vielleicht eine der Definitionen von Kunst, die haltbar sind.

Zum Paradoxon der Kunst Gudrun Schülers gehört es auch, daß das Haltbare meist die Darstellung des Vergänglichen ist
- daß alles verschwinden kann und vieles vergänglich ist, die Wolken aber, jene stets sich wandelnden Himmelsgebilde im Gedächtnis haften können  - diese These verbürgen die Ansichten mit Vehemenz.
Wellen, Schatten, Schemen - auch daraus besteht das Wolkentheater der Einsamkeit, denn Gudrun Schülers Wege, "Seestücke" und Landschaften glänzen im Schein der totalen menschlichen Abwesenheit,
"als lebte kein Mensch auf der Erde", wie Samuel Beckett einmal schrieb.
Hier herrscht das Stahlgrau letzter Tage, hier schiebt sich eine düster-blaue Wolkenwand vor einen düsteren Himmel, hier zerfließen die Konturen und alle Sicherheiten, die uns von der "Natur" noch trennen mögen.
Nebel dampfen hoch, ein abgeschattetes Licht dringt durch die Wolken.
Die statische Stille, die sich - nur vereinzelt - zu einem Symbolismus reinsten Wassers auswächst wie im atmosphärisch fein erfassten, so einsamen wie selbstgenügsamen Wald von "Tanz ins Licht":

Was ist sie anderes als der Wille zur Entschleunigung inmitten einer Zeit, die sich das totale Tempo aufs Panier geschrieben hat?
Gudrun Schüler zeigt auch die See, man kann sie sehen, aber sie präsentiert sie in einer sonderbar freien Weise.
Wo das Wasser in Formationen übergeht, die, gewiss nur ganz von fern, an Wolken denken lassen, ist sie auf der Höhe der Kunst, die das Genaue mit dem sogenannten Poetischen verbindet.
Heißt das "Moor" auch "Moor", so ähnelt es einem Sturm, in dem die aufgepeitschten Wellenwogen übereinander schlagen.
Wo Farbverwaschungen eine dunkle Farbinsel im Meer entstehen lassen, entsteht ein Sog, dem sich zu entziehen schwer ist.
Freilich gibt es da schon die Tendenz zur sogenannten Abstraktion, zur Farb-Variation – damit verbunden die Unmöglichkeit, nicht an etwas Gegenständliches zu denken, aber schon als reine Farb-Seh-Bilder haben diese Ansichten eine ungeheure Wirkung.

Und erst das Licht: Die großen Ölbilder sind in einem flirrenden Pastellton gemalt worden, der von innen zu glühen scheint,
denn jedes "Sehstück" hat ein Lichtzentrum, und sei es auch dunkel.
Eine Sonne hat sich hinter den grauen Farbschichten verborgen, dass man still in sich hinein jubeln könnte - und ist doch ganz einfach, ganz zart, wo die Ränder zwischen Himmel und Erde unmerklich verlaufen.

Das Ich ist erreicht, wir können es spüren, fast schmecken. Hier ist eine jener Formen, die, trotz allem Bei-sich-sein, über das Private hinausgehen.
Man kann es nicht anders ausdrücken als mit einem einfachen, altmodischen Wort: Meisterschaft.

 

6.10.2004

Dr. Frank Piontek