Einführungsrede Angela Holzhäuer M.A. Kunsthistorikerin am 6. September 2017 im Neuen Rathaus Bayreuth

 

GUDRUN SCHÜLER – DAHINTER DAS LICHT

 

Gudrun Schüler lebt und arbeitet seit 1989 als freischaffende Künstlerin in Bayreuth.
Ihre Werke wurden in weit über 200 nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt.
Sie hat etliche Kunstpreise gewonnen und bedeutende Museen, wie das Kulturhistorische Museum der Stadt Bamberg und die Bayerische Staatsgemäldesammlung haben Bilder von Gudrun Schüler angekauft.
Mit den Arbeiten in dieser Ausstellung, die gleichzeitig auch eine Werkschau der Künstlerin zeigt, spannt Gudrun Schüler einen Bogen von fotorealistischen Arbeiten bis hin zu abstrakter Malerei.

 

I.

Beginnen möchte ich mit den naturalistischen Meeres- und Himmelslandschaften:

Unser Leben hat sich vollkommen vom ursprünglichen Naturraum getrennt. Das hat zum Verlust der Einheit von Mensch und Natur geführt.
Natur fungiert heute als Lagerstätte, Abbaugebiet verschiedener Rohstoffe, als Energielieferant und als Freizeitpark.
Die Erfahrung von Natur als Weltordnung, Seinsgrund und Lebensganzheit ist am Horizont industrieller Nutzung oftmals wenig präsent.

In den Arbeiten von Gudrun Schüler ist diese Ordnung noch zu finden:
Küstenlandschaften, das Meer und der Himmel, sie sind malerische Inspirationsquellen für ihre teilweise fotorealistischen Arbeiten.
Ihr verdanken wir jene ruhigen, poetischen Seestücke, die die Weite des Meeres in farblich transparente Kompositionen übersetzen.
Der Künstlerin gelingt eine absolut atmosphärische Darstellung der Natur und es entsteht ein lebendiger und unmittelbarer Eindruck von Himmel und Wasser.
Trotz der Gegenständlichkeit der Landschaften sind immer die Farbe und das Licht in ihren vielfältigen Erscheinungsformen Träger und Ausdruck des Bildgeschehens.

Der zart lasierende Farbauftrag und die unendlichen Schattierungen von Licht und Schatten machen die überwältigende Schönheit der Natur sichtbar, wie beispielsweise die kühle Abendstimmung über dem Meer, der sich zusammenbrauende Sturm am Himmel, oder das Licht, das durch die Wolkendecke bricht.
Ganz gleich, ob wir vor dem Weststrand in Kampen‘, oder dem ‚kleinen Wolkenraum‘ stehen, die Motive, die Gudrun Schüler ausgewählt hat, sind zeitlos, denn Wolkenformationen, die Gischt des Wassers oder der Himmel, der das Wasser am Horizont zu berühren scheint, sind immerwährende Naturereignisse - und dennoch hält jedes Bild einen einzigen nicht wiederholbaren Moment fest.

Der Betrachter schaut aus der Vogelperspektive auf das tosende Meer oder weiße Wolkenformationen und gleichzeitig kann er wie durch ein Mikroskop die Struktur einzelner Wassertropfen der schäumenden Gischt erkennen.
Wenn man sich auf die Bilder einlässt, ist die Wirkung so stark, dass man fast fröstelnd den kühlen Wind oder auch die feuchte, nach Salz riechende Meeresluft zu spüren glaubt.
Diese realistische und gleichzeitig emotionale Darstellungsweise der Wasserlandschaften zeigt die Natur in ihrer ungebändigten Kraft und Energie und gleichzeitig in einsamer Stille.
Auf keinem Bild gibt es Figuren, nicht einmal als Staffage.
Aber auch ohne Figuren steht alles immer in Beziehung zum Betrachter. Er wird Teil der bildlichen Anordnung und ist überwältigt von der Fülle an Harmonie und Schönheit.

Gudrun Schüler nennt das: „Spüren mit den Augen.“
In der unendlich scheinenden Weite der Bilder wird Natur zum Spiegel menschlicher Gefühle. Sie vergegenständlichen damit auch das Unfassbare, das methaphysische Empfinden.

 

II.

Der Maler Sean Scullys hat einmal sagt: „Das Bild ist beendet, wenn es mich berührt.“.

Dieser Ausspruch scheint auch Programm in den teilweise abstrakten, teilweise gegenständlichen Bildern Gudrun Schülers zu sein:
Man könnte ja auch sagen, das Bild ist fertig, wenn es meiner Idee entspricht.
Statt von Idee, Gedanke, Ratio, geht es auch hier um Gefühl und damit stößt man auch gleich zum Prinzip der Bildkunst in den abstrakten Arbeiten der Künstlerin vor:
formale, strenge Bildarchitektur und expressiver Farbauftrag, das ergibt einen Dialog, nämlich die Synthese aus rationaler Ordnung und sinnlich, emotional erfahrbarer Farbe, die Elemente, die den inneren Diskurs der Werke ausmachen.

In den Arbeiten FUNKENBOGEN und FUNKENGLUT besteht das bildnerische Vokabular aus Farbexplosionen, die in einem spannungsreichen Verhältnis zur malerischen Fülle im Detail stehen.
Jeder einzelne Farbstreifen besitzt schwungvolle Lebendigkeit – die Art des Farbauftrags, die Bewegung des Pinselstrichs und die haptische Qualität der Oberfläche wirken wie ein Vulkan, der bald ausbrechen wird.
Außerdem scheint es so, als hätten die äußeren Begrenzungen der Leinwand eigentlich gar nicht ausgereicht, den nebeneinander und übereinander dicht gedrängten Farb- und Lichtschichten in warmem Kolorit, Platz zu bieten.
Die Farbe ist so kraftvoll und pastos aufgetragen, dass sie eine plastische Form erhält und somit in den Raum herein wirkt. Dennoch werden darunterliegende Farbschichten nach wie vor wahrgenommen.
Dadurch entsteht eine Ineinanderverschränkung von Raum und Volumen und stilisiert sich in vielfachen Variationen zum Inbegriff spiritueller Monumentalität.

 

III.

Kommen wir zu den meditativen Abstraktionen.
Das Hauptwerk, ein Triptychon, ist auf der Einladungskarte abgebildet und hat Sie vielleicht in diese Ausstellung gelockt:

Wie entstehen diese Bilder?
Gudrun Schüler benutzt das zuerst konstruierte Bild als Plattform.
Wir sehen ein Rastersystem aus Blöcken, Halbkreisen, Streifen und Linien, die sich als architektonische, streng-geometrische Motive oder aber auch als Kreuze und Gesichter identifizieren lassen.
Diese Motive suggerieren eine große Plastizität.
Im Laufe des Bildwerdens verschleiern dünn aufgetragene Farbschichten die Oberfläche immer mehr.
An einigen Stellen greifen sie an den Grenzen der Farbfelder faserig ineinander, wobei die sich so ergebenen Farbflächen eine diffus strahlende Atmosphäre erzeugen.
Ein immaterielles Farblicht leuchtet aus den Bildern heraus.

Wir sehen Farbwolken, die sich zu überlagernden Farbschleiern bündeln, die durch das Durchscheinen der Schichten zu räumlicher Wirkung gebracht werden.
Nie tritt eine Farbe absolut auf, nie ist sie nur sie selbst. Immer schwingt ein anderer Farbton mit. Das Rot teilt sich dem Orange mit, das Blau trübt das Grün. Die einzelnen Flächen beginnen zu oszillieren.

Die Farbfelder sind nach den Seiten nicht abgeschlossen, sondern offen, und scheinen sich unendlich über die Ränder der Leinwand hinaus zu erstrecken.
Die Bilder haben also letztendlich nichts mit der Vorstellung gerahmter Flächen zu tun, denn sie sind Symbole des Universellen und vermitteln einen unbegrenzten geistigen Raum.
Die weiche Vermalung der einzelnen Flächen ergibt einen schwebenden, entmaterialisierten Farbeindruck, der den Betrachter zur Kontemplation einlädt.
Es entsteht eine Ordnung mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen, die mit Gegensätzen wie Anfang und Ende, Fülle und Leere operiert.
Die fast schon dialektische Konfrontation der klaren Formen und der sinnlichen Farben, ja der spirituellen Farbauffassung wird zur Metapher der erfahrbaren Wirklichkeit.

Möglicherweise wird der Betrachter, der sich hineinfindet in die Kraft und Tiefe dieser Bilder, die eigenen Sehnsüchte entdecken.

Die Bilder dieser Ausstellung geben keine Antwort auf irgendetwas, - man muss sie erleben. Sie werden von den Phänomenen Licht und Atmosphäre getragen. Sie sind nur möglich, weil - DAHINTER DAS LICHT existiert.

DAS LICHT DAHINTER macht nicht nur das Miteinander der einzelnen Bildelemente sichtbar, sondern es beleuchtet gleichzeitig die komplexen Beziehungen des Menschen und alle Facetten menschlicher Emotionen.

DAHINTER DAS LICHT bedeutet aber auch immer, dass auf allen Bildern der Funke Hoffnung und damit Zukunft glimmt.

Franz Marc, der - gemeinsam mit anderen - zu Beginn des letzten Jahrhunderts am Anfang der abstrakten Malerei stand, hat formuliert, was auch für die Kunst von Gudrun Schüler gilt:
“ Mein ganzes Trachten ist, innerlich zu werden, jeder auf dem Bild vorkommenden Farbe und Form eine innerliche, nicht beweisbare Notwendigkeit zu geben. Die Wirkung echter Kunst ist nie beweisbar und erklärbar.“