Einführungsrede Dr. Frank Piontek

Ausstellung "Metamorphosen" im Landratsamt Bayreuth 2006

 

 

Gudrun Schülers Natur-Ansichten

 

Liebe Gudrun, sehr verehrte Damen und Herren,

Sie werden es einem leidenschaftlichen Wagnerianer verzeihen, wenn der abwesende Redner genau in dem Moment, in dem eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin eröffnet wird, ein paar Kilometer entfernt in einem Festspielhaus sitzt, um sich die Generalprobe einer brandneuen Siegfried-Inszenierung anzuschauen
– aber wir sind schon beim Thema.

Während nämlich genau in diesen Minuten der zweite Akt beginnt, befinden wir uns tief in der Welt der Gudrun Schüler.
Siegfried unter der Linde, Waldweben. Es flimmert, die Lichter spielen, wenn wir Glück  haben, auf dem Boden; die Blätter – falls es welche gibt – erzittern.
Es webt, es bewegt sich, es ändert, grünlich schimmernd, seine Gestalt, Lichtakzente brechen durch –
und schon laufen wir durch die Bilder einer Malerin, die es diesmal auf ein Thema abgesehen hat:
die Metamorphose, die Verwandlung.

Sie ist das Prinzip, das Gudrun Schülers Bilder seit je ausgezeichnet hat, denn alle Kunst – und Schülers Kunst ist wahre Kunst – ist lebendig, indem es der Verwandlung unterliegt  (und mitunter auch den Zuschauer verwandelt).

Die Waldbilder nämlich, die sie an der rechten Seite sehen können, sie zeigen in verstärktem Maß jene schemenhafte Auflösung, wie sie in den früheren Bildern Gudrun Schülers vorbereitet wurde.
Der Weg verschwindet im Ungefähren, graue Nebelschleier tanzen über dem Boden – und wir bemerken, daß das, was scheinbar Nebel ist, vielleicht etwas Anderes sein könnte.
Sieht es nicht so aus, als verwandelte sich gerade der Nebel in Wasserwellen? Wo sich die gleichsam festeren Formen des Nebels in die ungreifbaren des Wassers  verwandeln, ist da nicht das Prinzip der Metamorphose zu einem gleich raffinierten wie ergreifend einfachen Höhepunkt geraten?

Wir könnten weitergehen durch Gudrun Schülers Landschaften und feststellen, daß sich Nebel, Wolken und Wellen einander angleichen.
Die Natur, um die es hier geht, ist eine uneindeutige, und genau in diesem Sinn sind die großen Bilder Gudrun Schülers wahre NATUR-Ansichten.
Sie müßten jedem Kritiker den Wind aus den Segeln nehmen, der an ihnen einen „zu hohen Abstraktionsgrad“ moniert.
Die Kunst bemißt sich ja nicht nach dem Grad der Abstraktion oder der Ungegenständlichkeit, auch nicht ihres Gegenteils.
Sie bemißt sich auch nach der Vollkommenheit des Uneindeutigen, des Gebrochenen.
In Gudrun Schülers Bildern wabert es im besten Sinn.

Die Grenzen zwischen den Zuständen der Natur sind im wahrsten Sinn des Wortes fließend, und fließt es nur gehörig weiter, kommen wir zu den schönsten Abstraktionen.
Abstraktion: das heißt nun nicht, daß etwas außerhalb der sogenannten Natur Liegendes, sondern etwas Natürliches in konzentriertester Form gezeigt wird.
Weniger theoretisch formuliert: wenn Sie die Vier Jahreszeiten (in der rechten Ecke) anschauen, werden Sie Sich sofort an jene Zustände erinnern, denen die Farbkompositionen ihren Urgrund verdanken.

Panta rhei, tatsächlich: alles fließt, im Sommer wie im Winter, im Feuer wie im Eis. Es zerfliesst buchstäblich in jener Tafel (die Sie an der Rückseite sehen können).
Es fließt vom Dunkel ins Helle, es zerläuft so magisch, wie wir es von den symbolistischen Bildern der vorletzten Jahrhundertwende kennen, es zeigt, wörtlich,
Verläufe – und auch hier regiert das Prinzip der Verwandlung, denn ohne Vorbilder, die verwandelt wurden, wäre auch Gudrun Schülers Kunst nicht denkbar.

Ihre Kunst aber besteht darin, daß sie jene Vorbilder in ihren Bildern in hegelschem Sinne „aufhebt“:
indem sie sie zugleich bewahrt und überbietet, indem sie sie, auch dies wörtlich, weiter ent-wickelt.
Es ist ja heute keine Kunst mehr, Motive etwa eines Caspar David Friedrich zu kopieren, man sieht permanent, wie große Künstler der jüngeren und etwas älteren Vergangenheit ausgeweidet werden, aber es ist doch etwas Anderes, wenn eine Künstlerin, die tief in sich hineinlauscht, die Werke geliebter Künstler studiert hat, um mit ihrer Hilfe Eigenes zu schaffen.

Mein erster Gedanke an besagten Caspar David war denn wohl auch richtig, als ich vor die beiden zauberhaften Landschaften (an der linken Stellwand) trat
– man kennt  ja diese typischen, sich in ungreifbare Fernen auflösenden Farbfelder, Nebel, Himmel, Wolken, man kennt die Sonnenuntergänge, die grauen Wolken, das Licht, das sich an ihnen bricht.

Hier aber geht es weiter: die Nebel werden wieder zu Wellen, die Elemente mischen sich, verwandeln sich aneinander in der vertrauten fränkischen Landschaft, und nur einen Schritt weiter, und wir wären bei den Abstraktionen der abstrakten Bilder.

Kunst lehrt uns das Sehen, Gudrun Schülers Bilder sind in besonderem Maß eine Schule des Sehens, und wir begreifen von neuem, daß es das nicht gibt: „realistische“ Bilder.

Vergessen Sie alles, was Sie über den „Realismus“ in der Kunst gelernt haben.
„Realismus“ ist eine Fiktion, erfunden von Schulpädagogen, die immer noch nicht begriffen haben, daß ein Bild aus Farbpigmenten, aber nicht aus „Wirklichkeit“ besteht, die bekanntlich im Auge des Betrachters liegt.

Wer Gudrun Schülers NATUR-Ansichten sieht, sieht eine Natur, die sie ernstnimmt, indem sie ihr Wesentliches in die Darstellung vor allem innerer Zustände verwandelt, was freilich äußere Ähnlichkeiten nicht ausschließt.
Wie es zu den Abstraktionen kommt, hat sie in zwei Baum- und Blumen-Serien gezeigt, die Sie links und ganz rechts außen sehen können:
es sind wiederum Ver-Läufe, die die Phasen zwischen einer sogenannten „normalen“ und einer ins Ungegenständliche changierenden Darstellung zeigen.
In all diesen Bildern schwebt Natur: die Natur der Malerei, die sie der „Natur-Malerei“ abgewann. Wie gesagt. Eine Schule des Sehens...

Wenn Gudrun Schüler also im Landratsamt Landschaften ausstellt, die sie zunächst vor ihrer Haustür fand, dann muß dieses Ländchen Oberfranken dankbar sein, daß es eine solche Landschaftsmalerin besitzt.
Sie hält nämlich das Ungreifbare, das in all diesen Nebel-, Wasser-, Wellen, Lichtzuständen herrscht, auf eine schlichtweg magische Weise fest.
Dazu genügt schon ein Blick nach oben; der Raum spielt hier mit.
Gudrun Schüler hat drei Wolkenbilder an die Brüstung gehängt, und wir sehen auf eine langgestreckte Goldwolke (ähnelt sie nicht einem Schlangenwurm, wie er im zweiten Siegfried-Akt auftauchen könnte?).
Wir sehen Wolkengebilde, sehen Licht und zerfasernde Ränder.
Eindeutig Wolken, ja, aber die darunterhängenden Wolkenbilder hängen zurecht unten – denn was auf den ersten Blick nach oben gehören würde: geht es nicht in Wirklichkeit tief unten vor sich?
Sind's Wasser, sind's Wolken, im Spiegelbild vereint? Haben wir es bei diesen „Wolken“ nicht mit Sturmwolken, mit einem Meeressturm zu tun?
Ist das Licht, das da hinausblendet, nicht das Licht, das sich am Wasser reflektiert? Ein Regenbogen scheint, aber wo scheint er?
Sonderbare Verwandlungen... die Sache bleibt mehrdeutig, doch nicht beliebig – und es ist so voll jener Stimmung, die erst auf der Grundlage der totalen Beherrschung des Handwerks entstehen kann.

Die Illusion ist perfekt, auch im wunderbar düsteren Spiegel-Bild (an der linken Seite).
Ein unheimliches Bild, die Tiefe des Wassers möchten wir lieber nicht genauer erforschen, ein panischer Schrecken kann einen da erschrecken.
Ein Bild der finsteren Untiefe, wir bekommen eine Ahnung von den Finsternissen der Natur.

Wer will, kann sich tief in sie hineinbegeben, wenn er (an der Rückseite) den Zyklus Vom Kokon zur Spindel betrachtet.
Ein Monatsdurchlauf, sehr geheimnisvoll, im sachlichen Sinn des Wortes ein esoterischer Zyklus, in dem sich Persönliches der Malerin gleichsam abzeichnet.
Vom Kokon zur Spindel: da verwandelt sich schon im Titel etwas, wenn auch vom Dunkel ins Dunkel hinein, über hellere Zustände, die man nicht wirklich hell nennen kann.
Nur einmal glüht es zwischendurch golden auf. Der Kokon schmiegt sich an, er scheint sich einer großen Form zu integrieren,
zuletzt ist die Spindel ganz groß, doch zugleich mit all ihrem Weißglühen auch sonderbar einsam, ja einer eingesponnenen Larve gleich.

Von hier an könnte es weitergehen, hinein in eine neue Verwandlung – denn wer Gudrun Schülers Bilder kannte, wird sich wundern, welche Metamorphosen ihre Kunst bis heute erfahren hat.
Sie ist, und da passt das Bild vom (übrigens unbewußt gefundenen) Bild vom Kokon auf beste Weise, sie ist – ohne daß sie je diese Verwandlungen zwanghaft durchsetzen müßte – eine wahre Verwandlungskünstlerin.

Noch einmal: das Land kann stolz sein, daß in ihm eine wahre Malerin lebt, die ihre Heimat auf eine Manier verewigt, die mit Heimattümelei nichts zu tun hat.
Welche Kraft sie aus den Bergen, Tälern, Flußläufen und Waldwegen Oberfrankens schöpft: der Betrachter kann es wieder einmal genießend nachvollziehen.
Daß sie zugleich diese Heimat abbildet und eine moderne Kunst daraus entwickelt, die ganz in der Persönlichkeit der Malerin liegt, ist - Sie verzeihen den trivialen Begriff - einfach schön.
Sind's Wellen, sind's Nebelschwaden, Wolkenriffs? Ist' s Außen, ist's Innen? Wo diese Fragen unwichtig werden, ist Kunst – die Kunst einer Malerin, die im Weben zuhause ist:
im Weben von Natur-Ansichten, die in jedem Sinne groß sind.

 

Frank Piontek, 19. 7. 2006